CNT Essay 004

Ein Raum,
der sie halten kann

Warum die Antwort auf Künstliche Intelligenz Containment heißt – und warum Eindämmung dafür nur die halbe Bedeutung des Wortes ist.

Niki Hager · · 6 Minuten Lesezeit

Ich beschäftige mich seit mehr als dreißig Jahren mit Raum, mit Grenze und mit dem, was zwischen den Dingen liegt. Lange war das eine private Frage. Seit ein paar Jahren ist es eine, die sich die Wirtschaft stellen muss, ob sie will oder nicht. Denn die Künstliche Intelligenz hat etwas sichtbar gemacht, das vorher nur unbequem war: Unser Denken über Wachstum kennt keine Grenze. Und was keine Grenze kennt, verliert irgendwann seinen Halt.

Meine These ist einfach, und sie wird vermutlich ein paar Jahre brauchen, bis sie selbstverständlich klingt.

Die Antwort auf KI ist Containment.

Mehr, schneller, weiter

Wirtschaft, Politik und Technik sind seit Generationen auf ein Prinzip gebaut: Es geht noch mehr. Noch schneller, noch besser, noch tiefer, noch weiter. Die KI ist die bisher konsequenteste Form dieses Prinzips. Jedes Modell wird größer als das vorige, jede Rechenleistung wird überboten, jeder Durchbruch ist der Anlauf zum nächsten.

Was dabei übersehen wird: Die Luft, in der so gedacht wird, wird dünner. Wer immer höher steigt, kommt irgendwann in Höhen, in denen niemand mehr atmen kann. Und wer dann noch weiter hinauf will, sucht die Lösung in der Richtung, die das Problem erzeugt hat.

Bei der KI zeigt sich diese dünne Luft bereits. So wie Vermögen sich bei sehr wenigen verdichtet, verdichtet sich auch die Fähigkeit, mit den stärksten Systemen umzugehen – bei denen, die sie bauen, finanzieren und verstehen. Für die meisten Menschen und die meisten Unternehmen wird das, was dort oben entsteht, schwer handhabbar. Und wenn das Prinzip der grenzenlosen Steigerung zu Ende gedacht wird, irgendwann für niemanden mehr.

Wo die Unendlichkeit liegt

Dahinter steckt ein Denkfehler, den ich für den eigentlichen halte. Wir suchen die Unendlichkeit in der Ausdehnung. Am Rand, ganz oben, ganz weit draußen. Ich glaube, sie liegt im Kleinen. In dem, was sich in jedem Augenblick neu bildet und sich nie wiederholt: in der Zelle, im Atemzug, in dem Feld, aus dem die Physik die Welt aufbaut.

Das ist eine Blickrichtung, keine physikalische Behauptung. Aber sie kehrt die Frage um. Nicht mehr: Wie weit kommen wir noch? Sondern: Wie tief können wir halten, was schon da ist?

Für eine Kultur, die auf permanente Ausdehnung gebaut ist, bedeutet das einen Umbau in zwei Richtungen. Weg von unendlicher Ausdehnung, hin zur Unendlichkeit im Kleinen. Und weg von der Vorstellung, Grenzen seien Hindernisse, hin zu Grenzen, die so gesetzt sind, dass sie neues Wachstum möglich machen.

Das Paradoxe daran: Eine Gesellschaft, die darauf ausgerichtet war, immer größer zu werden, braucht jetzt ausgerechnet das, was ihrem Grundprinzip widerspricht. Begrenzung. Einen Rahmen.

Zwei Bedeutungen eines Wortes

Containment heißt im technischen Sinn Eindämmung. In der KI-Debatte ist das Wort längst angekommen. AI Containment meint, Systeme und Agenten in ihrem Handlungsraum zu beschränken. Mustafa Suleyman hat Containment 2023 in The Coming Wave zur zentralen Aufgabe unserer Zeit erklärt. Sein erstes Kapitel trägt den Titel Containment Is Not Possible.

Ich glaube, er hat recht – für diese eine Hälfte des Wortes. Eindämmung allein ist tatsächlich nicht möglich, und zwar aus einem strukturellen Grund: Eine Mauer muss immer höher werden als das, was hinter ihr wächst. Dieses Rennen ist nicht zu gewinnen.

Die andere Hälfte kommt aus der Psychoanalyse. Der britische Analytiker Wilfred Bion hat beschrieben, was ein guter Analytiker mit dem tut, was ein Mensch in den Raum bringt. Er verhindert die Entfaltung nicht. Er lässt sie zu, emotional und gedanklich. Er nimmt sie auf, möglichst ohne eigenen Affekt. Er sortiert, ohne zu werten. Er erkennt Muster, ordnet sie, macht Zusammenhänge sichtbar. Und er gibt das Aufgenommene in einer Form zurück, mit der der andere selbst wieder umgehen kann.

Das ist, scheinbar, alles.

Scheinbar, weil es voraussetzt, dass der Analytiker Muster, Systeme und Strukturen kennt. Wer die Muster nicht kennt, kann nicht aufnehmen, nicht sortieren, nicht zurückgeben. Er kann nur eindämmen.

Man kann nur er-kennen, was man kennt.

Dasselbe mit der Maschine

Genau vor dieser Aufgabe stehen wir mit der KI. Wir müssen ihre Entwicklung nicht verhindern. Wir müssen ihre Entfaltung aufnehmen können.

Das heißt: verstehen, was KI tut, und nicht nur, was sie ausgibt. Muster erkennen, in ihren Ergebnissen und in ihren Wirkungen auf Menschen und Organisationen. Ihre Fähigkeiten einordnen, ohne sie zu überhöhen oder kleinzureden. Und Grenzen schaffen, innerhalb derer sie sich entfalten kann, ohne dass ihre Entfaltung unsere Fähigkeit übersteigt, mit ihr umzugehen.

Eindämmung fragt: Wie halten wir sie draußen? Containment fragt: Wie bauen wir einen Raum, der groß und klug genug ist, sie drinnen zu haben?

Wer nur eindämmt, baut Mauern. Wer hält, baut eine Form, die mitwächst.

Das ist ein Unterschied in der Haltung, und er hat Folgen. Mauern müssen ständig erhöht werden, weil das dahinter nicht aufhört zu wachsen. Eine Form, die versteht, was sie hält, wächst mit.

Und es ist, nebenbei, die Antwort auf die Frage, die in der Regulierungsdebatte offenbleibt. Man kann nicht regulieren, was man nicht lesen kann. Wer Schutzmechanismen vorschreibt, setzt voraus, dass jemand erkennt, wovor geschützt werden soll. Diese Fähigkeit entsteht nicht durch Gesetze. Sie muss gebaut werden.

Wer führt

In der Analyse führt der Klient das Gespräch. Er bringt, was er bringt, in der Reihenfolge, in der es kommt. Der Analytiker folgt. Aber den Rahmen hält er: Zeit, Ort, Grenze, Haltung. Das bestimmt nicht der Klient. Und gerade weil der Rahmen hält, darf im Inneren alles erscheinen.

So stelle ich mir unser Verhältnis zur KI vor. Sie darf schneller sein als wir, mehr wissen als wir, Wege vorschlagen, an die wir nicht gedacht hätten.

Sie darf das Gespräch führen. Den Rahmen führen wir.

Ich schreibe das heute in einem kurzen Text auf, und vermutlich braucht es zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre, bis dieser Gedanke selbstverständlich ist. Die Aufgabe ist aber schon jetzt sichtbar. Sie heißt nicht, die Intelligenz zu begrenzen. Sie heißt, einen Raum zu schaffen, der intelligent genug ist, sie zu halten – einen Raum, in dem wir verstehen, womit wir arbeiten, und in dem die Maschine uns nützt, statt uns zu führen.

Das ist keine Absage an das Wachstum. Es ist die Bedingung dafür, dass es weitergeht.