CNT Essay 005

Die Lösung ist
der leere Raum

Professionell gehalten.

Niki Hager · · 12 Minuten Lesezeit

Im Jahr 2000 habe ich meine Firmenanteile verkauft. Ich war achtundzwanzig, das Unternehmen hatte ich von der ersten Idee an aufgebaut, das Ziel war erreicht und das Konto gefüllt. Gemacht hat das mit mir nichts. Nicht viel. Ich hatte jahrelang meine Rolle gelebt, und als die Rolle zu Ende war, stand ich in einem Raum, den ich nicht kannte.

Wo heute viele Unternehmer, Führungskräfte und Fachleute stehen, stand ich damals zum ersten Mal. Der Auslöser heißt heute nicht Firmenverkauf. Er heißt künstliche Intelligenz.

Die Frage hinter der Frage

Das Weltwirtschaftsforum hat für seinen Future of Jobs Report, erschienen im Jänner 2025, mehr als tausend Arbeitgeber befragt. Sie erwarten, dass sich bis 2030 rund 39 Prozent der Kernkompetenzen ihrer Beschäftigten verändern. Ganz oben auf der Liste dessen, was sie heute für unverzichtbar halten, steht wie schon in den beiden Ausgaben davor das analytische Denken, für sieben von zehn Unternehmen.

Bemerkenswert finde ich, was dort oben steht. Kein Wissen und keine Methode, sondern die Fähigkeit, Dinge in Beziehung zu setzen.

Die meisten Menschen stellen derzeit eine andere Frage: Was nimmt mir die KI? Meinen Arbeitsplatz, mein Geschäftsmodell, meinen Vorsprung? Hinter dieser Frage liegt eine zweite, die selten ausgesprochen wird: Wer bin ich, wenn eine Maschine das kann, wofür man mich bisher bezahlt hat?

Auf diese zweite Frage gibt es im Moment vier verbreitete Antworten. Alle vier haben etwas Richtiges. Keine trägt.

Erstens: das Ego

Die naheliegende Antwort lautet: Ich bin, was ich kann. Mein Titel, meine Funktion, meine Erfahrung, mein Ruf. Daraus bauen wir über Jahrzehnte eine Identität, und eine Identität ist notwendig. Ohne sie wüssten wir nicht, wo wir anfangen und wo die anderen.

Das Problem ist die Bauweise. Eine Identität, die auf Leistung gebaut ist, muss verteidigt werden, sobald jemand die Leistung billiger erbringt. Gegen eine Maschine, die in Sekunden liefert, wird die Verteidigung zur Daueraufgabe. Und wer sich verteidigen muss, denkt enger.

Ich unterscheide darum zwischen Identität und Entität. Die Identität ist das, was wir aus uns gemacht haben, und sie darf sich ein Leben lang weiterentwickeln. Die Entität ist der Raum dahinter, aus dem heraus wir unsere Gedanken, Gefühle und Rollen überhaupt betrachten können. Diese Unterscheidung ist eine philosophische Setzung, kein Messergebnis. Sie hat aber eine praktische Folge: Wer weiß, dass er nicht seine Funktion ist, muss die Funktion nicht gegen die Maschine verteidigen. Er kann sie weiterentwickeln.

Zweitens: das Mitgefühl

Die zweite Antwort ist freundlicher. Die Maschine rechnet, der Mensch fühlt. Also gehöre die Zukunft den empathischen Menschen.

Ich halte viel von Empathie. Mich in andere Menschen hineinzuversetzen, um zu verstehen, wie sie denken und spüren, ist eine der tiefsten Prägungen meines Lebens. Und trotzdem ist Mitgefühl allein keine Orientierung. Wer nur aufnimmt, verliert sich irgendwann in dem, was er aufgenommen hat. Er versteht alle und weiß nicht mehr, wo er selbst steht.

Halten hat zwei Seiten: Aufnahme und Grenze. Wenn ein Samen nicht durch Erde begrenzt ist, kann er nicht wachsen. Wenn ein Unternehmen keine Grenzen kennt, zerfällt es. Ohne Grenzen gibt es keine Manifestation.

Dazu kommt eine nüchterne Beobachtung. Eine Sprache, die einfühlsam klingt, kann eine KI heute schon erzeugen. Wer seinen Wert allein auf Einfühlung baut, tritt wieder in einen Wettbewerb, den er nicht führen muss.

Drittens: die KI

Die dritte Antwort kommt von der Technik selbst. Lerne, mit der KI zu arbeiten, dann bist du sicher. Das stimmt, soweit es reicht. Eine KI kann in der Breite suchen, wie es kein Mensch kann: übersehene Lesarten, Gegenpositionen, Fragen, die noch niemand gestellt hat. Viele nutzen das längst täglich.

Was sie nicht kann, ist haften. Rat ist billig geworden. Verantwortung nicht. Eine KI liefert Optionen. Den Ort, an dem aus einer Option eine Entscheidung wird, mit allen Folgen für ein Unternehmen und für Menschen, liefert sie nicht. Sie ist eine gewaltige Maschine zum Aufnehmen und Verarbeiten, und genau deshalb braucht sie selbst einen Rahmen. Sie darf das Gespräch führen. Den Rahmen führen wir.

Viertens: das Bankkonto

Die vierte Antwort wird selten laut gesagt und oft gelebt: Sichere dich ab. Wer genug hat, dem kann die Veränderung nichts anhaben.

Ich habe diese Antwort mit achtundzwanzig ausprobiert, ohne es so zu nennen. Das Geld war da, die Orientierung nicht. Geld ist ein ehrliches Maß für einen Tausch, und ich halte nichts davon, es kleinzureden. Wer etwas beiträgt, soll dafür bezahlt werden. Aber Geld misst, was getauscht wurde. Den Raum, in dem etwas Tauschbares erst entsteht, misst es nicht. Wir können die Begleitung verkaufen, aber nicht das Glück.

Wir sind die Matrix. - Die Matrix gibt es nicht.

Im Film „Matrix“ von 1999 ist die Welt eine Simulation, gebaut von Maschinen, und die Menschen dienen ihnen, ohne es zu wissen, als Energiequelle. Viele erzählen den Film heute anders weiter: Eine Elite habe eine Matrix geschaffen, um die Menschheit zu bewirtschaften, und die KI sei ihr neuestes Werkzeug. Sie sauge uns aus. Unsere Daten, unsere Aufmerksamkeit, unsere Arbeit.

Diesen Vorwurf muss man ernst nehmen, denn sein Kern ist wahr. Aufmerksamkeit und Daten werden seit zwei Jahrzehnten bewirtschaftet, sie sind das Geschäftsmodell großer Plattformen. Und die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz, Rechenzentren, Modelle, Datenbestände, liegt in den Händen sehr weniger Unternehmen. Dazu braucht es keine Verabredung im Hinterzimmer. Kapital, Wettbewerb und Größe reichen.

Und doch passt etwas nicht ins Bild. Wer eine Matrix baut, um Menschen zu bewirtschaften, gibt ihnen nicht das Werkzeug in die Hand, mit dem sie selbst bauen können. Genau das geschieht gerade. Ein Einzelner kann heute Analysen, Strategien, Texte und Programme erstellen, für die er vor wenigen Jahren ein ganzes Team gebraucht hätte. Manche Modelle sind sogar frei verfügbar. Ein Machtinstrument, das mit allen geteilt wird, ist kein Instrument der Herrschaft mehr. Es ist eines der Möglichkeit.

Ganz aufgelöst ist der Widerspruch damit nicht, und das gehört ehrlich dazu. Auch die Suchmaschine und die sozialen Netzwerke wurden gratis verteilt, und gerade dieses Verteilen war die Ernte. Geteilt ist der Zugang. Die Macht nicht. Preise, Regeln und Abhängigkeiten setzen weiterhin wenige.

Entscheidend ist darum ein dritter Punkt, und er betrifft jeden von uns. Künstliche Intelligenz kostet. Nicht nur Geld. Sie kostet Aufmerksamkeit und Kompetenz. Wer Urteilskraft mitbringt, wer prüft, gewichtet und weiß, was er will, wird durch sie stärker. Wer sie ohne Urteil benutzt, gibt sein Denken ab und wird abhängiger. Dasselbe Werkzeug befreit den einen und bewirtschaftet den anderen. Ob jemand die KI benutzt oder ob sie ihn benutzt, entscheidet sich nicht in der Technik. Es entscheidet sich im Menschen.

Damit ändert sich der Blick auf die Matrix. Sie ist keine Konstruktion der anderen, vor der man sich schützen muss. Eine KI ist aus dem gebaut, was Menschen geschrieben, gerechnet und entschieden haben, und sie gibt zurück, was man ihr gibt, verstärkt. Wir stehen nicht außerhalb der Matrix. Wir sind Teil von ihr. Eine Matrix, die uns als etwas Fremdes gegenübersteht und uns von außen bewirtschaftet, gibt es nicht.

Der Film selbst ist dafür das beste Beispiel. „Matrix“ ist eine der stärksten Erzählungen unserer Zeit, gebaut aus Motiven der Religionen und der Philosophie: Erlösung, Erwachen, die Welt als Schein. Und sie enthält eine Falle, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Gäbe es die Matrix, wäre auch der Film, der sie enthüllt, ein Teil von ihr. Jeder Beweis gegen sie würde sie bestätigen. Eine Behauptung, die sich so jeder Prüfung entzieht, ist kein Wissen. Sie ist ein Glaubenssystem. Wer daran glaubt, wird Bestätigung finden, solange er sucht.

Tiefer liegt eine andere Erkenntnis. Für mich gibt es keine absolute Wahrheit, die als starres Objekt irgendwo steht, weder als Matrix noch als ihr Gegenteil. Wahrheit ist ein Prozess, und sie entsteht in Beziehung. So viele Lebewesen es gibt, so viele Wirklichkeiten gibt es. Wer behauptet, es gebe eine Matrix, behauptet eine unter unendlich vielen, und dazu gehört auch die, dass es sie nicht gibt. Containment heißt, diese Wirklichkeiten nebeneinander zu halten, ohne einer davon zu verfallen.

Ich denke dabei an das Meer. Jede Welle hat einen Anfang und ein Ende, sie ist begrenzt. Und zugleich trägt sie die Bewegung aller Wellen um sie herum. Verändere ich eine Welle, verändere ich die anderen auch. Das gilt für Menschen, für Unternehmen und für die Technik, die wir gemeinsam hervorbringen.

Wer Teil ist, ist nicht Opfer. Wer Teil ist, wirkt. Aus der Frage „Was nimmt mir die KI?“ wird damit eine andere: Was gebe ich ihr, und wofür setze ich sie ein? Die Antwort darauf findet niemand im Werkzeug. Er findet sie in dem Abstand, den er sich nimmt, bevor er es benutzt.

Warum der Raum die Lösung ist

Ego, Mitgefühl, Technik und Geld haben eines gemeinsam: Sie füllen. Sie geben uns etwas, an dem wir uns festhalten können, und sie lassen keinen Platz für die eine Bewegung, auf die es jetzt ankommt, die bewusste Entscheidung.

Eine Entscheidung braucht Abstand. Zwischen dem, was möglich ist, und dem, was ich daraus mache, liegt ein Raum. Wo er fehlt, reagieren wir. Wo er da ist, wählen wir.

1997 habe ich dazu einen Satz geschrieben, der mich seither begleitet: „Nur das Nichts ist der größte Raum, den Du Deinem Leben schenken kannst.“ Mit dem Nichts meine ich keine Leere im Sinn von Mangel. Ich meine einen Raum, der noch nicht besetzt ist, weder von Erwartungen noch von Ängsten noch vom Zwang, sofort eine Antwort zu haben.

Schon damals meinte und erkannte ich die Leerheit des Raumes. Diese Leerheit ist die Quelle jeder Existenz und jedes Seins. Sie ist auch genau jene Grenze, die jeden Moment, in dem wir leben, ja jeden Atemzug rahmt. Während wir meinen, sie einzuatmen, ist sie der Moment selbst.

Gute Begleitung betrachtet jede Lage aus fünf Positionen. Aus der eigenen. Aus der des Gegenübers, eines Menschen oder einer Organisation. Aus der Metaposition, die beide betrachtet. Aus der systemischen, die nach Herkunft und Geschichte fragt, nach dem, was hinter den einzelnen Figuren steht. Die ersten drei sind als psychologische Technik des Perspektivenwechsels bekannt, aus Philosophie, Psychologie und den Therapiewissenschaften. Die vierte kommt aus der Aufstellungsarbeit. Die fünfte ist der Raum selbst. Er läuft im Hintergrund immer mit und stellt eine einzige Frage: Was fehlt?

An dieser fünften Position zeigt sich, wie Mensch und Maschine zusammenarbeiten können. Die KI sucht in der Breite, was fehlen könnte, und macht Angebote. Spüren, gewichten und entscheiden muss der Mensch. Das ist keine Rangordnung. Es ist eine Arbeitsteilung.

Was daraus folgt

Bewusstsein heißt hier zuerst: wissen, wo man steht. Wer seine eigene Position kennt, entscheidet, was die KI für ihn leisten soll. Wer sie nicht kennt, lässt sich von ihren Möglichkeiten führen.

Der Beitrag wird größer. Seit meiner Kindheit begleitet mich die Frage: Was kann ich beitragen, um die Welt ein Stück besser und schöner zu machen? Mit einer KI, die man bewusst führt, reicht ein Beitrag weiter als je zuvor. Die Maschine verbessert die Welt nicht von selbst. Sie kann es durch Menschen, die wissen, wofür sie sie einsetzen.

Geld folgt der Verantwortung. Bezahlt wird künftig weniger für Wissen, das jeder abrufen kann, und mehr für das, was eine Maschine nicht übernimmt: Urteil, Haftung, einen gehaltenen Rahmen. Auch das braucht eine Grenze. Wer beiträgt, ohne einen Preis zu nennen, kämpft danach um seinen Lohn. Der Preis gehört in den Rahmen, von Anfang an.

Der leere Raum

Nach dem Verkauf im Jahr 2000 hielt ich den leeren Raum für einen Mangel. Es hat lange gedauert, bis ich gesehen habe, dass er der Anfang war.

Viele Menschen und viele Unternehmen stehen jetzt an einer ähnlichen Stelle. Die alten Antworten tragen nicht mehr, die neuen sind noch nicht da. Containment heißt für mich, diesen Raum zu halten: professionell, begrenzt und so lange, bis darin etwas erscheinen kann, das aus Klarheit entsteht und nicht aus Angst. Die Führungslehre kennt dafür einen Begriff aus der Psychoanalyse: Holding Environment, die haltende Umgebung, wie Donald Winnicott sie beschrieben und Ronald Heifetz für Organisationen übernommen hat. Mein Akzent liegt auf der Leere. Der Raum wird gehalten, nicht gefüllt.

Wir müssen dafür keine besseren Menschen werden. Wir müssen nur aufhören, den Raum zu füllen, bevor wir wissen, was in ihn gehört.

Die Leerheit des Raumes ist die Lösung. Die tiefe Erkenntnis über die Leerheit des Raumes ist die Lösung.

Executive Containment

Ein Thema. Ein professionell gehaltener Raum.

Der erste Schritt ist ein Gespräch.

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